Vier Stunden für einen Schluck Wasser

Fünf Uhr morgens. Lughaya, Somalia

Ayan Abdi steht auf. Sie nimmt den Kanister, ruft den Esel und beginnt zu laufen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber der Weg ist lang. Vier Stunden bis zur nächsten Quelle mit sauberem Trinkwasser. Vier Stunden zurück.

Zwölf Jahre lang hat sie so zehn Kinder großgezogen. Das Wasser in der Nähe ihres Dorfes taugt nur zum Kochen – trinken kann man es nicht. Also läuft Ayan. Jeden Tag. Acht Stunden für einen Kanister.

Dann kam die Dürre.

Vier Regenzeiten hintereinander sind ausgefallen. Das Vieh ist verendet – und damit die Milch, das Fleisch, das Einkommen. Einige ihrer Kinder mussten in andere Regionen ziehen, um zu überleben. Die Schule können sie sich nicht mehr leisten. In ihrer Region werden Lehrkräfte oft nicht bezahlt.

Ayan erzählt: „Früher hatten wir Vieh. Es gab Milch, Fleisch und Einkommen. Wir konnten uns selbst versorgen.“ Heute kämpft sie darum, dass ihre Kinder überhaupt etwas zu essen bekommen.

Wenn Mütter ihren Kindern das Einschlafen vorspielen

Nur wenige Kilometer von Ayan entfernt lebt Awo Awale mit ihren zwei Kindern. Was sie erzählt, ist schwer auszuhalten: „Ich konnte kein Essen für meine Kinder finden. Wir mussten so tun, als würden wir Wasser kochen, damit die Kinder einschlafen. Wenn sie aufwachen und nach Essen fragen, sage ich ihnen, sie sollen wieder schlafen.“

Eine Mutter, die leeres Wasser kocht. Damit ihre Kinder glauben, es gibt etwas zu essen. Damit sie schlafen, statt zu weinen.

Ayan und Awo sind keine Einzelfälle. Sie stehen für Millionen. Und hinter den Zahlen, die jetzt folgen, stecken Millionen solcher Geschichten.

Eine Krise, die kein Zufall ist

Die Dürre in Somalia kam nicht über Nacht. Sie ist das Ergebnis von vier aufeinanderfolgenden Regenzeiten, die nahezu vollständig ausgefallen sind. 13 von 18 Regionen sind betroffen. Die somalische Regierung hat im November 2025 den nationalen Dürrenotstand ausgerufen.
3,1 Millionen Menschen – mehr als jede sechste Person im Land – haben keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. 171 Bohrlöcher und Brunnen im ganzen Land sind nicht mehr funktionsfähig, 80 Prozent der traditionellen Regenwasserauffangbecken ausgetrocknet. In manchen Regionen hat sich der Preis für Trinkwasser verdoppelt bis verdreifacht – für die meisten Familien ist sauberes Wasser schlicht unbezahlbar geworden.

Am härtesten trifft es die Kinder. 1,85 Millionen unter fünf Jahren sind akut mangelernährt. 75.000 mussten die Schule abbrechen, weil ihre Familien auf der Suche nach Wasser und Nahrung weiterziehen mussten.

Und die Hilfe? Der humanitäre Hilfsplan für Somalia ist nur zu rund einem Fünftel finanziert. Besonders der Bereich Wasser und Hygiene ist dramatisch unterfinanziert.
Die Zahlen sind erschütternd. Aber sie sind nicht das Ende der Geschichte.

Was Hoffnung in der Praxis bedeutet

World Vision ist seit 1993 in Somalia. Über 30 Jahre. 350 Mitarbeitende in sechs Bundesstaaten. Im vergangenen Jahr wurden 1,8 Millionen Menschen mit lebensrettender Hilfe erreicht. Was dort passiert, ist mehr als Nothilfe.

Wenn die Dürre zuschlägt, bringen Tankwagen sofort sauberes Trinkwasser direkt zu den Familien. Hygienekits werden verteilt, um Durchfallerkrankungen zu verhindern – denn in der Dürre tötet nicht nur der Durst. Verunreinigtes Wasser ist genauso tödlich. Gleichzeitig läuft der langfristige Aufbau: Bestehende Bohrlöcher werden repariert und mit Solarpumpen ausgestattet. Ein einziges Bohrloch kann bis zu 20.000 Menschen dauerhaft mit sauberem Wasser versorgen. Pipeline-Erweiterungen von nur einem Kilometer schließen 1.800 Menschen an – Infrastruktur, die bleibt, auch wenn World Vision irgendwann geht.

Dazu kommen Gesundheitshelferinnen und Gesundheitshelfer in den Gemeinden, die über Hygiene aufklären, und Radioprogramme, die helfen, die Ausbreitung von Cholera einzudämmen. Wissen schützt genauso wie sauberes Wasser.

Alle 10 Sekunden bekommt ein Mensch durch World Vision Zugang zu sauberem Wasser.

Was ein Brunnen für Ayan bedeuten würde

Was passiert, wenn eine Gemeinschaft wie Lughaya wieder Zugang zu sauberem Wasser bekommt? Ayan müsste nicht mehr acht Stunden am Tag laufen. Ihre Kinder könnten wieder zur Schule gehen.

Durchfallerkrankungen würden zurückgehen. Und Mädchen wären sicherer, weil sie nicht mehr allein weite Strecken laufen müssten.
Ein Brunnen verändert nicht nur den Zugang zu Wasser. Er verändert den Alltag, die Gesundheit, die Bildung und die Zukunft einer ganzen Gemeinschaft. Nicht nur das Symptom lindern, sondern die Grundlage für Veränderung schaffen. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort.

Was jetzt zählt

2017 hat die internationale Gemeinschaft gemeinsam eine Hungersnot in Somalia abgewendet. Schnelles Handeln, ausreichend Mittel, entschlossene Zusammenarbeit. Es hat funktioniert.
Jetzt braucht es diese Entschlossenheit wieder. Für 2026 werden 4,8 Millionen Menschen Hilfe benötigen, während Hilfsgelder weltweit gekürzt werden. Gerade jetzt, wo so viele wegsehen, zählt jede Unterstützung. Jeder Euro. Jede Stimme.
Für Ayan, damit sie nicht mehr acht Stunden für einen Kanister Wasser laufen muss. Für Awo, damit sie ihren Kindern abends nicht mehr vorspielen muss, dass das leere Wasser auf dem Herd ein Abendessen ist.

Endlich Hoffnung. Für sie. Und für alle, die auf sie zählen

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