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Drei Jahre Krieg

Sudans Kinder tragen die tiefsten Narben

Am 15. April 2023 brach in Khartum ein Krieg aus, der alles veränderte. Innerhalb von Stunden lag die Hauptstadt unter Beschuss. Familien flohen mit dem, was sie tragen konnten. Drei Jahre später ist der Sudan zum Schauplatz der größten humanitären Krise der Welt geworden. Und zu einer der stillsten.

33,7 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe. Das sind zwei Drittel der Bevölkerung. Mehr als in Syrien, mehr als in der Ukraine, mehr als in jedem anderen Land. In fünf Regionen herrscht offiziell Hungersnot. 14 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen. Und die Welt schaut kaum hin.

1.095 Tage: Was der Krieg angerichtet hat

Was als Machtkampf zwischen zwei Generälen begann, hat ein ganzes Land in den Abgrund gerissen. Die sudanesischen Streitkräfte und die paramilitärischen Rapid Support Forces kämpfen seit drei Jahren um die Kontrolle. Dazwischen: Millionen Zivilistinnen und Zivilisten, die alles verloren haben.
Die Zahlen sind schwer zu fassen. 13,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht — die größte Vertreibungskrise weltweit. 9,3 Millionen innerhalb des Landes, fast vier Millionen in Nachbarländern. Unter den Vertriebenen: rund fünf Millionen Kinder.
Wie viele Menschen gestorben sind, weiß niemand genau. Konservative Schätzungen sprechen von über 28.000 Toten durch direkte Gewalt, andere Analysen gehen von bis zu 150.000 aus, wenn Hunger und fehlende medizinische Versorgung eingerechnet werden.

Wenn Hunger zur Waffe wird

In fünf Gebieten im Sudan herrscht offiziell Hungersnot. Im Flüchtlingslager Zamzam in Nord-Darfur wurde bereits im August 2024 Hungersnot festgestellt. Seitdem hat sich die Lage weiter verschlechtert. In der Ortschaft Um Baru liegt die Rate akuter Mangelernährung bei 52,9 Prozent — fast doppelt so hoch wie der Schwellenwert für eine Hungersnot. In El Fasher, Kadugli und Kernoi sieht es ähnlich aus.
Über 21 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Zwei Millionen befinden sich in oder nahe an Hungersnot-Bedingungen. Das Welternährungsprogramm warnte Anfang 2026, dass ohne sofortige Finanzierung die Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht sein würden. Die Rationen wurden auf das absolute Überlebensminimum reduziert.

Gleichzeitig zeigen die Daten auch etwas anderes: In Gebieten, in denen regelmäßig Hilfe ankam, konnte die Hungersnot zurückgedrängt werden. An neun Standorten, an denen über sechs Monate durchgehend Nahrungsmittelhilfe geleistet wurde, verbesserte sich die Lage messbar. Hilfe wirkt. Wenn sie ankommt.

Die Kinder tragen die tiefsten Narben

UNICEF spricht von „1.000 Tagen der Qual“ für Sudans Kinder. Die Zahlen bestätigen das. 14 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule — vier von fünf Kindern im Land. Acht Millionen von ihnen haben seit Kriegsbeginn rund 500 Schultage verloren. In Nord-Darfur sind nur drei Prozent der Schulen geöffnet. Viele Schulgebäude dienen als Notunterkünfte für Vertriebene. Andere wurden bei Angriffen beschädigt oder zerstört.

800.000 Kinder unter fünf Jahren leiden an schwerer akuter Mangelernährung — der lebensbedrohlichsten Form. In Nord-Darfur werden Kinder im Minutentakt wegen Mangelernährung in Notaufnahmen eingeliefert. In manchen Gebieten ist mehr als jedes zweite Kind unterernährt. Die Folgen reichen weit über den Krieg hinaus: verzögertes Wachstum, bleibende kognitive Schäden, ein Leben lang erhöhte Krankheitsrisiken.
Dazu kommen Gefahren, die Kinder besonders verletzlich machen. Beide Kriegsparteien rekrutieren Kinder als Soldaten. Schätzungen gehen von 8.000 bis 10.000 Kindersoldaten allein in den Reihen der RSF aus. Kinder ab zehn Jahren wurden mit Waffen dokumentiert. Kinderheirat nimmt zu, weil Familien ihre Töchter als Schutzmaßnahme oder aus finanzieller Verzweiflung verheiraten. Und sexuelle Gewalt gegen Kinder, Mädchen und Frauen wird als Kriegstaktik eingesetzt. Wie real die Gefahr für Kinder ist, zeigte sich Anfang April 2026, als Drohnenangriffe in Kalogi in Süd-Kordofan zuerst einen Kindergarten und dann das Krankenhaus trafen, in das die Verletzten gebracht wurden. 114 Menschen starben, darunter 63 Kinder.

Kein sauberes Wasser, keine Ärzte, keine Medikamente

28 Millionen Menschen im Sudan haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das Gesundheitssystem ist in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Bis zu 70 Prozent der Gesundheitseinrichtungen in Konfliktgebieten sind außer Betrieb. Krankenhäuser werden beschossen, Medikamentenvorräte geplündert, Gesundheitspersonal flieht.
Die Folgen zeigten sich in der Cholera-Epidemie, die von Mitte 2024 bis Anfang 2026 alle 18 Bundesstaaten erfasste. Über 124.000 Fälle und 3.500 Todesfälle, bevor eine Impfkampagne mit über 23 Millionen verabreichten Dosen die Ausbreitung stoppen konnte.
Malaria ist eine weitere Bedrohung: Der Sudan verzeichnet 41 Prozent aller weltweiten Malaria-Fälle und 49 Prozent aller Malaria-Todesfälle — durchschnittlich 10.000 Neuinfektionen und 21 Tote pro Tag. In einem Land, in dem Mütter zunehmend ohne medizinische Begleitung gebären müssen und Neugeborene keinen Zugang zu Intensivversorgung haben, steigt auch die Mütter- und Kindersterblichkeit.

Ein Wendepunkt: Fawzias Geschichte

Fawzia musste mit ihren Kindern aus Khartum fliehen. Tagelang waren sie zu Fuß unterwegs, ohne Wasser, ohne Nahrung, nur mit der Hoffnung auf Sicherheit. Als sie sich schließlich für die Bargeldhilfe von World Vision registrieren konnte, änderte sich etwas. Nicht alles. Aber genug, um wieder einen Schritt nach vorne zu machen.

„Bevor die Hilfe kam, hatten wir nichts. Kein Bett, keine Decken“, erzählt Fawzia. „Mit dem ersten Geld habe ich Essen für meine Kinder gekauft. Beim zweiten Mal habe ich Schulgeld und Schulsachen bezahlt.“ Ihre Kinder gehen wieder zur Schule. In einem Land, in dem 14 Millionen Kinder genau das nicht können, ist das ein kleines Wunder. Und der Beweis, dass Hilfe wirkt.

Was World Vision vor Ort tut

Seit Mai 2023 ist World Vision mit der Sudan Crisis and Migration Emergency Response (SCRAMER) im Einsatz — einer der größten humanitären Operationen der Organisation. Seitdem hat World Vision über 5,3 Millionen Menschen in Sudan und den Nachbarländern erreicht, darunter über drei Millionen Kinder.

Die Hilfe umfasst alle Bereiche, die Familien zum Überleben brauchen: Nahrungsmittelhilfe und Bargeldzahlungen, damit Familien wie Fawzias sich selbst versorgen können. Sauberes Trinkwasser in Flüchtlingslagern. Medizinische Versorgung durch mobile Kliniken. Ernährungsprogramme für schwer mangelernährte Kinder. Psychosoziale Unterstützung und sichere Räume. Und Bildung, damit Kinder trotz Krieg lernen können.
World Vision arbeitet in den am stärksten betroffenen Regionen: in Süd-Darfur, Ost-Darfur, Süd-Kordofan und Blue Nile. Allein im Februar 2026 wurden über 170.000 Menschen neu erreicht – mit Nahrungsmittelhilfe, sauberem Wasser, Kinderschutz und psychosozialer Unterstützung.

Die vergessene Krise — und warum Hinsehen zählt

Sudan steht zum dritten Mal in Folge auf Platz eins der weltweiten Krisenliste des International Rescue Committee. Und trotzdem: Die Krise ist dramatisch unterfinanziert. Vom humanitären Hilfsplan 2026, der 2,9 Milliarden US-Dollar für über 20 Millionen Menschen vorsieht, sind nur 16 Prozent finanziert. Zum Vergleich: Im Vorjahr blieben 62 Prozent der Hilfsbedarfe ungedeckt.
Globale Hilfsgelder schrumpfen. Gleichzeitig steigt der Bedarf. Das trifft den Sudan besonders hart, weil die Krise weniger internationale Aufmerksamkeit erhält als vergleichbare Konflikte. „Der Sudan kommt in den Medien kaum vor“, stellte die stellvertretende IOM-Direktorin im Februar 2026 fest. Dabei hat diese Krise das Potenzial, ganze Regionen Ost- und Nordafrikas zu destabilisieren.

Am 14. und 15. April 2026, genau zum dritten Jahrestag des Konflikts, findet in Berlin die dritte internationale Sudan-Konferenz statt. Über 25 Außenministerinnen und Außenminister werden dort nach Wegen suchen, den Krieg zu beenden und die humanitäre Hilfe auszuweiten. Auch Österreich — das seit Kriegsbeginn 33,8 Millionen Euro für die Zivilbevölkerung im Sudan bereitgestellt hat — ist beteiligt. Es sind Momente wie diese, in denen Aufmerksamkeit den Unterschied machen kann.

Was Hilfe bewirkt – und was noch fehlt

An neun Standorten im Sudan konnte die Hungersnot zurückgedrängt werden — dort, wo über Monate hinweg regelmäßig Hilfe ankam. Über 23 Millionen Menschen wurden gegen Cholera geimpft und stoppten eine Epidemie, die alle 18 Bundesstaaten erfasst hatte. 250.000 Kinder wurden seit Kriegsbeginn wegen schwerer Mangelernährung behandelt. Fawzias Kinder gehen wieder zur Schule.

Aber 14 Millionen Kinder tun das nicht. Hunger breitet sich weiter aus. Das Gesundheitssystem liegt in Trümmern. Die Gewalt geht weiter. Sudans Kinder brauchen, dass die Welt sie sieht. Dass sie nicht vergessen werden. Dass aus dem Stillen ein Sprechen wird. Und aus dem Sprechen ein Handeln.

World Vision ist vor Ort. Seit drei Jahren. Trotz der Gefahr, trotz der Hindernisse, trotz der Unterfinanzierung. Weil jedes Kind zählt. Weil Hilfe wirkt, wenn sie ankommt. Und weil es nicht genug ist, von einer Krise zu wissen. Es kommt darauf an, etwas zu tun.


Quellenangabe:
UN OCHA Sudan Humanitarian Needs and Response Plan 2026; UNICEF „1,000 Days of Agony“ (Januar 2026); UNICEF Humanitarian Action for Children Sudan 2026; WHO „1000 Days of War“ (Januar 2026); IPC Acute Food Insecurity Analysis Sudan 2025/2026; UNHCR Sudan Regional Refugee Response Plan 2026; WFP Sudan Famine Response 2026; World Vision SCRAMER Situation Report Februar 2026; World Vision International Sudan Crisis Response; IRC Emergency Watchlist 2026; EU Humanitarian Aid Sudan 2025; BMEIA Österreich Humanitäre Hilfe. Alle Zahlen geprüft, Stand April 2026.

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