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Was passiert, wenn man sein Patenkind wirklich trifft

Von Wien nach Bukoba: Wie ich allein nach Tansania reiste – und tausend Prozent wiederkomme

Ein Erlebnisbericht von Ida Forster

Das Klassenzimmer war so dunkel, dass ich sie nicht finden konnte. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel durch das Fenster. George, unser Kollege vor Ort, fragte: „Siehst du sie irgendwo?“ Ich suchte die Reihen ab. Nichts. Dann bat der Lehrer sie nach vorne. Ein kleines Mädchen stand auf, ganz rechts außen. Ging langsam auf mich zu. Und als ich ihr die Hand gab – dieses kleine Händchen in meiner – da wusste ich: Deshalb bin ich hier.

Wie alles begann

Ich bin Ida, sechsundsechzig Jahre alt, aus Österreich. Vor zwanzig Jahren habe ich meine erste Patenschaft übernommen – einen Buben in Eswatini, den sich mein Sohn ausgesucht hat, als er fünf war. Fünfzehn Jahre lang habe ich ihn begleitet. Als die Patenschaft endete, wusste ich: Beim nächsten Mal wird es ein Mädchen. Weil ich überzeugt bin, dass gerade bei Mädchen Bildung und Unterstützung so viel bewegen können.

Meine Berufung wäre eigentlich Entwicklungshelferin gewesen. Das Leben hat mich in eine andere Richtung geführt – ich wurde Buchhalterin. Aber ich bin froh darüber, weil genau das mir ermöglicht hat, was ich jetzt tue. Vor zwanzig Jahren habe ich angefangen, ohne zu wissen, was daraus wird.

Dann sah ich ein Foto. Ein Mädchen mit einem blauen Strickjackerl, irgendwo in Tansania. Und es war sofort klar: Das ist sie. Das ist mein Mädchen. Ich kann das nicht rational erklären. Es war einfach ein Gefühl.

2023 besuchte ich sie zum ersten Mal – auf einer Gruppenreise, die World Vision Österreich organisiert hatte. Wir trafen uns in Rukoma. Loveness war unglaublich schüchtern. Ich war als Kind genauso – bis zwölf, dreizehn habe ich mit fast niemandem geredet außer meiner Familie. Vielleicht hat mich das zusätzlich berührt. Ich habe ihr eine Puppe mitgebracht, weil sie im August davor Geburtstag gehabt hatte. Und als ich im Flieger nach Hause saß, war eines klar: Ich werde mehr tun. Ohne zu wissen, was genau.

Wenn aus Unterstützung etwas wächst

Mit der Zeit habe ich auch Sonderspenden geschickt. Die Familie hat damit sofort etwas angefangen – Land dazugekauft, investiert, weitergedacht. Das war für mich der Indikator: Diese Familie macht etwas daraus. Nicht jede Familie kann gleich viel aus der Unterstützung herausholen, das ist mir bewusst. Aber wenn man sieht, wie jemand die Chance ergreift, dann macht das etwas mit einem.

Es war auch klar, dass ich mir eines Tages selbst ansehen würde, was sich verändert hat. Nicht als Gönnerin. Nicht von oben herab. Einfach als Mensch, der wissen will, ob das ankommt, woran er glaubt.

Allein unterwegs: Von Entebbe über die Grenze nach Bukoba

Im Frühjahr 2026 machte ich mich erneut auf den Weg. Diesmal allein. Ich bin im Grunde meiner Seele ein kleiner Explorer. Also entwickelte ich einen Plan: Flug nach Entebbe in Uganda, rauf nach Kampala, dann mit dem Bus über den Grenzübergang Mutukula nach Tansania und weiter nach Bukoba. Vier Wochen hatte ich mir genommen – genug Zeit, um nach dem Patenbesuch auch noch das Land zu erkunden.

Dreizehn Stunden Busfahrt. Dann noch mal elf. Schlaglöcher, über die der Fahrer den Bus jagt. An der Grenze sprang jemand ins Auto und verlangte fünftausend Schilling – keine offizielle Gebühr, einfach jemand, der die Situation ausnutzt. Wer allein reist, erlebt solche Momente. Ich blieb ruhig. Und als unklar war, ob es weitergeht, bin ich ausgestiegen und laut geworden. Mein Englisch ist nicht perfekt, aber das habe ich zusammengebracht. Dann sind wir losgefahren. Es gibt solche Sachen. Aber ich bin kein ängstlicher Typ.

Unsicherheiten? Eigentlich nur eine: dass ich es rechtzeitig schaffe. Der Freitag war unser Termin, Montag der Ersatztermin. Alles andere hat mir keine Sorgen gemacht. Ich habe alles erst vor Ort gebucht, weil ich nicht wusste, wann ich wo sein würde. Man muss offen sein. Sonst macht man so was nicht.

Was mich beruhigt hat: die Kolleginnen und Kollegen von World Vision vor Ort. Ich habe mich gemeldet, als ich in Entebbe gelandet bin. Dann an der Grenze. Die Kommunikation war perfekt. Da kann ich nur ein großes Lob aussprechen. Ich hatte immer das Gefühl der Sicherheit.

Eine Umarmung, die keine Worte braucht

Dann stehe ich vor dem Haus der Familie. Und plötzlich ist da ein Fest. Die ganze Nachbarschaft ist gekommen, Verwandte, Freunde. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Emotionen waren kaum auszuhalten. Aber ich wollte auf keinen Fall als Gönnerin auftreten – mein Ego braucht das nicht. Ich habe zur Familie gesagt: Ihr seid hier die Königinnen und Könige. Es ist euer Land. Ich bin nur der Gast, ich gehe wieder.

Und dann kam die Umarmung mit Livia. Wir hatten vorher nur Briefe geschrieben, über Monate. Ich war so neugierig auf sie – beim ersten Besuch 2023 hatte ich sie nicht kennengelernt. Und diese Umarmung – das kann ich nicht beschreiben. Das passiert zwischen Menschen, die sich überhaupt nicht kennen und sich trotzdem erkennen. Oder es passiert nicht. Bei uns ist es passiert.

Wir konnten nicht wirklich miteinander reden. Aber das hat es nicht gebraucht. Die Emotionen und die Verbindung waren stärker als Worte.

Stolz in den Augen

Die Familie hat sich ein neues Haus gebaut. Schöne Farben, blaue Balken, kühle Luft drinnen, während draußen die Hitze stand. Loveness hat ein eigenes Zimmer mit einem großen Bett – das haben sie mir als Allererstes gezeigt. Weil es immer ums Kind geht. Die alte Hütte steht noch zehn Meter dahinter. Jetzt sind die Ziegen und Hühner drin. Was ja gescheit ist.
Was mir am meisten nachgegangen ist: der Stolz in den Augen vom Papa, als er mir alles gezeigt hat. Das sind Dinge, die vergisst man nicht. Ich habe da gar nicht viel sagen können, weil alles so auf mich eingebrochen ist.

2023 hatte er nur ein Fahrrad, um seine Waren auf den Markt zu bringen. Mittlerweile hat er ein Motorrad, eine kleine Solarzelle, einen Fernseher. Man merkt den Unterschied. Man merkt ihn wirklich. Die Familie ist fleißig, alles sauber, die Kinder gepflegt. Ich bin sehr stolz auf sie.

Das hat mich an meine eigene Kindheit erinnert, bei meinen Großeltern am Land in Österreich. Die hatten auch kein Wasserklo. Das ist bei uns gar nicht so lang her. Es hängt so viel vom Menschen selbst ab – mit den einfachsten Mitteln kann man trotzdem schauen, dass alles in Ordnung ist. Bei dieser Familie sieht man es sofort.
In meinen Briefen habe ich immer geschrieben: Ihr seid stark, ihr seid stolz, ihr könnt das. Ich glaube, das hat auch etwas bewirkt.

Ein Kleid aus demselben Stoff

Zum Abschied hat die Familie mir ein Kleid schneidern lassen – aus demselben Stoff wie das von Loveness. Ich habe es mir übergestreift, wir haben uns zusammen fotografiert. Beim Ausziehen in ihrem Zimmer hat es geklemmt – es war wie ein Schlauch und ging fast nicht runter. Loveness hat so herzhaft gelacht. Sie ist dagesessen und hat so laut gelacht, und ihre Mama daneben genauso. Das werde ich nie vergessen. Das war unser Goodbye.
Die Puppe, die ich ihr 2023 mitgebracht habe? Steht immer noch da. Sauber, gepflegt, nicht ein Kratzer. Das sagt viel über diese Familie.

Was ich mitnehme

Man hört so oft: Das versickert ja alles. Da passiert ja nichts. Ich kenne diese Vorurteile. Manche nehmen sie her, um nichts tun zu müssen. Ich sage: Fahrt hin. Schaut es euch an. Der Blickwinkel ändert sich sofort. Meinungen verändern sich. Vorurteile werden abgebaut.

Was mich über den Patenbesuch hinaus tief beeindruckt hat: die Offenheit der Menschen in Tansania. Die Fröhlichkeit. Das Aufeinanderzugehen, das wir in unserer Kultur so nicht kennen.

An alle, die überlegen

Wenn jemand darüber nachdenkt, sein Patenkind zu besuchen: Erstens, gratuliere ich zum Entschluss. Zweitens: Machen. Nicht zu viel überlegen. Zweifel sind notwendig, aber nicht zu viele. Man muss wissen, was man will. Und wenn jemand sagt, das funktioniert nicht – genau dann. Dann ist der Stachel gesetzt.

Ich habe den Patenbesuch mit vier Wochen Reise verbunden – Tansania ist ein wunderschönes Land, und wer schon mal dort ist, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das Schönste daran: Es bringt einem selbst so viel. Man denkt danach anders. Man sieht anders.

Ob ich noch mal hinfahre?

Tausend Prozent.

Ich war vorher schon hundert Prozent überzeugt, dass ich das Richtige getan habe. Jetzt noch mehr. Jetzt habe ich sie wirklich gesehen. Das kleine Händchen in meiner Hand, das Lachen beim Abschied, der Stolz in den Augen ihres Papas. Was man spürt, wenn man dort steht, ist etwas, worauf man vielleicht lange gewartet hat, ohne es benennen zu können. Hoffnung. Endlich.

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