Ebola in der DR Kongo

Warum diese Krise so schwer zu stoppen ist – und was World Vision tut

Wenn David Munkley, Direktor der Ostzone von World Vision in der DR Kongo, morgens seinen Lagebericht öffnet, sieht er Zahlen, die sich täglich ändern. 598 bestätigte Ebola-Fälle. 115 bestätigte Todesfälle. 25 betroffene Gesundheitszonen in drei Provinzen (Stand 8. Juni 2026, DRC-Gesundheitsministerium/WHO). Und eine Erkenntnis, die schwerer wiegt als jede einzelne Zahl: Das Virus breitet sich nicht nur aus – es breitet sich in einer Region aus, die seit Jahrzehnten in der Krise steckt.

In der Provinz Ituri im Nordosten der DR Kongo ist Ebola nur die jüngste Bedrohung in einer langen Reihe. Bewaffnete Konflikte, Massenvertreibungen, zerstörte Gesundheitsinfrastruktur: Alles, was eine Epidemie schwer kontrollierbar macht, ist hier seit Jahren Realität.

Drei Probleme, die Ebola unkontrollierbar machen

Ituri liegt an den Grenzen zum Südsudan und zu Uganda. Die Provinz ist seit mehr als zwanzig Jahren von bewaffneten Konflikten gezeichnet. Dutzende Milizen kämpfen um die Kontrolle, ethnische Gewalt hat bis zu eine Million Menschen vertrieben – viele davon mehrfach. Eine Bevölkerung, die ständig in Bewegung ist, lässt sich kaum nachverfolgen. Genau das wäre aber entscheidend, um zu verstehen, wo ein Virus begonnen hat und wohin es sich verbreitet.

Dazu kommt ein zweiter Faktor: Ituri liegt auf einem großen Goldvorkommen. Tausende Menschen bewegen sich informell über die Grenzen – Handelnde ohne Papiere, ohne Passkontrolle. Und drittens: Die Gesundheitsinfrastruktur in der Region ist komplett zerstört. Wo Rebellengruppen die Kontrolle haben, betreibt die Regierung oft keine einzige Gesundheitseinrichtung. Krankenhäuser, die noch arbeiten, müssen wegen Gewalt immer wieder schließen.

„Ebola breitet sich nicht nur zahlenmäßig aus – es breitet sich geographisch aus. Die Provinz Ituri liegt direkt vor der Tür der Kivu-Provinzen, wo World Vision DRC seinen Sitz hat. Wir müssen äußerst wachsam sein.“
– David Munkley, Direktor Ostzone, WV DR Kongo

Was Munkley am 3. Juni als Sorge formulierte, ist inzwischen eingetreten: In Nord-Kivu sind 32 Fälle in sieben Gesundheitszonen bestätigt, in Süd-Kivu drei weitere. Der Sprung über die Provinzgrenzen, vor dem er warnte, hat stattgefunden.

Wenn Misstrauen gefährlicher wird als das Virus

Was die Lage zusätzlich erschwert, ist ein Problem, das kein Medikament lösen kann: Misstrauen. In vielen Gemeinschaften glauben die Menschen nicht, dass Ebola existiert. Manche halten die Krankheit für ein Geschäftsmodell von Hilfsorganisationen oder der Regierung. In Ituri gibt es Proteste und Angriffe auf Gesundheitspersonal. Familien bringen kranke Angehörige nicht ins Krankenhaus – aus Angst, dass sie nicht mehr zurückkommen.

„Viele Menschen glauben nicht einmal, dass Ebola existiert. Sie brauchen mehr Informationen. Manche denken, es sei eine Art Geschäft, damit Organisationen und die Regierung Geld sammeln können.“
– Rodrigue Harakandi, Kommunikationsleiter, WV Ost-Kongo

David Munkley bringt es auf den Punkt: Die Aufklärungsarbeit könne nicht von Außenstehenden in Schutzanzügen geleistet werden. Sie müsse von vertrauten Glaubensführenden kommen, von Lehrkräften, von Gemeindevertreterinnen und -vertretern. Menschen, denen die Gemeinschaft vertraut.

Was World Vision jetzt tut – und warum es funktioniert

World Vision arbeitet seit Jahrzehnten in der DR Kongo und hat in genau diesen Regionen tiefe Beziehungen aufgebaut. Diese Präsenz ist jetzt der entscheidende Vorteil. Das Team hat die Nothilfe bereits aktiviert und arbeitet auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

In Beni haben die Ernährungsfachkräfte von World Vision gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm damit begonnen, heiße Mahlzeiten an Menschen im Referenzkrankenhaus auszugeben, die positiv getestet wurden oder unter Verdacht stehen. In Nord- und Süd-Kivu liegt der Fokus auf Prävention: Ebola-Botschaften werden in laufende WASH- und Livelihood-Programme integriert. Handwaschstationen werden aufgebaut, Familien und Schulen mit Seife und Desinfektionsmitteln ausgestattet.

Das Herzstück der Prävention aber ist die Channels-of-Hope-Kampagne: World Vision schult Glaubensführende – Pastorinnen und Pastoren, Priester, religiöse Gemeindevertreterinnen –, um kontextgerechte Gesundheitsbotschaften in lokalen Sprachen zu verbreiten. Nicht über die Köpfe der Menschen hinweg, sondern gemeinsam mit ihnen.

„Die Menschen sehen World Vision als vertrauenswürdigen Partner, der bei anderen Krisen an ihrer Seite war. Deshalb werden unsere Botschaften respektiert und gehört.“
– David Munkley

Was jetzt auf dem Spiel steht

Goma, die Hauptstadt von Nord-Kivu, liegt am Rand des Krisengebiets. Zwei Millionen Menschen, im Schatten eines aktiven Vulkans, am Rand eines Kriegsgebiets. Wenn Ebola eine Stadt wie Goma erreicht, bedroht es nicht nur Leben – es bedroht alles, was die Menschen dort aufgebaut haben. Die Märkte, die Schulen, die jungen Menschen, die bereit sind, etwas zu verändern.

Der Bundibugyo-Stamm von Ebola, der sich gerade ausbreitet, hat weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine Behandlung. Die WHO hat die Lage zum globalen Gesundheitsnotfall erklärt. Und gleichzeitig wird die Beschaffung von Schutzausrüstung durch den Konflikt und die geschlossenen Grenzen zur logistischen Herausforderung. Die Preise steigen, die Verfügbarkeit sinkt.

World Vision rechnet damit, dass es mehrere Monate dauern wird, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Die unmittelbare Nothilfe läuft. Aber was langfristig den Unterschied macht, ist genau das, was World Vision seit Jahrzehnten aufbaut: Vertrauen, Präsenz, Beziehungen. Nicht als Außenstehende, sondern als Teil der Gemeinschaft.
Ebola zu stoppen bedeutet nicht nur, Leben zu retten. Es bedeutet, die Zukunft einer ganzen Region zu schützen.

WEITERE BEITRÄGE