Drei Monate. Über 200 tote Kinder.

Zwei davon waren Patenkinder, die wir kannten.

Ein Mädchen packt seine Schulsachen in eine Plastiktüte. Nicht zum ersten Mal. Sie kennt das. Die Straße zum Sammelplatz, die Matratzen in der Turnhalle, das Warten. Beim letzten Mal war sie acht. Jetzt ist sie zehn. Und die Schule, in der sie Zuflucht sucht, ist dieselbe wie damals.
Im Libanon fliehen Kinder nicht zum ersten Mal. Viele nicht einmal zum zweiten Mal. Seit der Eskalation Anfang März 2026 wurden über 3.600 Menschen getötet, mehr als 11.000 verletzt. Über 1,1 Millionen Menschen sind auf der Flucht – ein Fünftel der gesamten Bevölkerung. Rund 370.000 von ihnen sind Kinder.

Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

Die Kampfhandlungen, die am 2. März 2026 im Rahmen der regionalen Nahostkrise erneut eskalierten, haben den Libanon in seine schwerste humanitäre Krise seit 2006 gestürzt. Luftangriffe treffen den Süden des Landes, die südlichen Vororte Beiruts und das Bekaa-Tal. Evakuierungsbefehle betreffen mittlerweile 14 Prozent der gesamten Landesfläche.

Mehrere Waffenstillstände wurden seither verkündet, zuletzt eine 45-Tage-Verlängerung Mitte Mai. Gehalten haben sie nicht. Luftangriffe erreichten Mitte Mai erstmals seit der Waffenruhe vom April wieder Beiruts südliche Vororte. Dabei hatte der Libanon kaum Zeit zum Durchatmen. Davor: der Konflikt im September 2024 mit fast 4.000 Toten. Davor: die verheerende Explosion im Hafen von Beirut 2020. Davor: der wirtschaftliche Zusammenbruch, der 80 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze drückte. Krise auf Krise auf Krise.

Schon vor der aktuellen Eskalation brauchten laut den Vereinten Nationen fast drei Millionen Menschen im Libanon humanitäre Hilfe – mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Gleichzeitig beherbergt das kleine Land mit rund fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge und über 200.000 palästinensische Flüchtlinge. Pro Kopf die höchste Flüchtlingszahl weltweit.

216 Kinder

Die Zahlen sind erschreckend konkret. Seit dem 2. März wurden im Libanon mindestens 216 Kinder getötet. Allein in den knapp zwei Monaten seit dem Waffenstillstand vom 16. April starben 55 Kinder, 212 wurden verletzt. Save the Children brachte es auf einen Vergleich, der unter die Haut geht: So viele Kinder wie in zehn vollen Klassenzimmern.

Rund 370.000 Kinder mussten fliehen. Viele suchen Zuflucht in Schulen – die als Notunterkünfte dienen, statt Klassenzimmer zu sein. 640 Sammelunterkünfte sind derzeit aktiv, viele Familien leben aber auch in informellen Unterkünften und unsicheren Bedingungen. Kinder schlafen dort, wo sie eigentlich lesen, rechnen und spielen sollten.

Und das Gesundheitssystem bricht zusammen. 164 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen wurden seit Anfang März dokumentiert, 133 Menschen im Gesundheitssektor getötet, 332 verletzt. Im Süden des Landes sind durch die Zerstörung wichtiger Brücken rund 150.000 Menschen von jeder Versorgung abgeschnitten.

Zwei Kinder, die wir kannten

Unter den getöteten Kindern sind zwei, die in unserem Patenschaftsprogramm registriert waren. Zwei Kinder, deren Namen wir kannten, deren Eltern wir kannten, deren Geschichten in unseren Berichten standen. Beide starben bei Luftangriffen, während sie versuchten, vor der Gewalt zu fliehen.

Eine Mitarbeiterin aus dem Süden schrieb:

„Was diesen Verlust so unfassbar macht, ist das Wissen, dass wir diese Kinder kannten. Vor wenigen Monaten saßen sie noch im Klassenzimmer, lachten mit Freundinnen und Freunden, kamen nach Hause zu ihren Familien. Sie hatten Träume für morgen. Heute sind diese Träume verloren.“

Was World Vision tut

World Vision ist seit 1975 im Libanon. Seit fünfzig Jahren. Vom Bürgerkrieg über die Wirtschaftskrise bis zur Explosion im Hafen von Beirut – die Organisation ist geblieben, als andere gegangen sind. Mit 163 Mitarbeitenden, über 170 lokalen Partnerorganisationen und als Co-Leitung des WASH-Sektors (Wasser, Sanitär, Hygiene) gehört World Vision zu den zentralen Akteuren der humanitären Hilfe im Land.

In der aktuellen Krise war World Vision von der ersten Stunde an im Einsatz. Bis Mitte Juni hat das Team 191.000 Menschen erreicht, darunter knapp 67.000 Kinder. Über 2,1 Millionen warme Mahlzeiten wurden ausgegeben. Dazu kommen Hygienekits, Matratzen, Decken, fertige Lebensmittel für unterwegs und mehr als 12.000 Kubikmeter Trinkwasser, die per Tankwagen in die Unterkünfte gebracht wurden.

Die Hilfe konzentriert sich auf das, was Kinder und Familien jetzt am dringendsten brauchen: Nahrung, sauberes Wasser, Schutz und die Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten. Über 13.000 Kinder haben psychosoziale Unterstützung erhalten, dazu mehr als 6.000 Online-Sitzungen für Familien, die nicht in Unterkünften erreicht werden können. Es bleibt zu wenig angesichts von 370.000 vertriebenen Kindern. Aber es ist ein Anfang.

Was fehlt – und was möglich ist

Heidi Diedrich, Landesdirektorin von World Vision Libanon, bringt es auf den Punkt:

„Von Beirut bis ins Bekaa-Tal und in den Süden des Landes – Kinder leben in Angst, Vertreibung und Verlust. Für Kinder, die schon Jahre voller Krisen hinter sich haben, vertieft diese Eskalation die Unsicherheit und erhöht das Risiko langfristiger Schäden.“

World Vision konnte das Programm bis September 2026 verlängern. 30 Millionen US-Dollar wurden bisher mobilisiert – doch die Bedürfnisse wachsen schneller als die Hilfe, ein neuer Finanzierungsrahmen wird derzeit angekündigt.

Beim UN-Nothilfeappell für den Libanon klafft weiterhin eine Lücke von 454 Millionen US-Dollar. Familien, die bereits vor der Eskalation kaum über die Runden kamen, stehen jetzt vor dem Nichts.
Österreich hat im März 2026 insgesamt 22 Millionen Euro an humanitärer Hilfe für die Krisenregion bereitgestellt. Die EU hat 100 Millionen Euro für den Libanon zugesagt. Beides sind wichtige Signale. Aber angesichts einer Million vertriebener Menschen bleibt die Lücke groß.

Und trotz allem: Es gibt Momente, die zählen. Wenn ein Kind in einer überfüllten Turnhalle zum ersten Mal seit Tagen wieder lächelt, weil jemand mit ihm spielt. Wenn eine Mutter weiß, dass ihre Familie heute Abend eine warme Mahlzeit bekommt. Wenn ein Wassertankwagen in eine Unterkunft fährt und Hunderte Menschen aufatmen.

Diese Momente sind möglich. Weil Menschen wie du hinschauen. Weil Spenden ankommen. Weil Teams vor Ort sind, die seit Jahrzehnten wissen, was zu tun ist.

„Mein Herz hat angefangen zu rasen. Aber das Gebäude ist nicht eingestürzt.“
ein sechsjähriges Mädchen aus dem Libanon

Irgendwo im Libanon packt ein Mädchen seine Schulsachen in eine Plastiktüte. Wieder einmal. Damit das nicht so bleibt, braucht es Hilfe. Nicht morgen. Jetzt.

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