Von Steinen zu Schulbüchern

Wie ein Mädchen im Kongo seine Kindheit zurückgewann

Wenn Falene von der Schule nach Hause kam, wartete kein Spielplatz auf sie. Kein Ball, kein Seil, keine Freundinnen. Auf sie wartete ein Steinhaufen.

Die Zehnjährige lebt in Nyemba, einer Gemeinde in der Provinz Tanganyika im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Jeden Tag nach dem Unterricht klopfte sie mit bloßen Händen Steine, die ihre Tante anschließend verkaufte. Der Erlös half der Familie zu überleben. Die Erschöpfung gehörte einfach dazu.

„Nach dem Unterricht musste ich Steine klopfen, die dann von meiner Tante verkauft wurden. Ich war immer erschöpft.“
– Falene, 10 Jahre

Falenes Geschichte klingt extrem. Aber sie ist es nicht. Sie ist Alltag.

138 Millionen Gründe, genauer hinzusehen

Laut den aktuellsten Schätzungen von ILO und UNICEF arbeiten weltweit rund 138 Millionen Kinder – unter Bedingungen, die ihrer Gesundheit, ihrer Entwicklung oder ihrer Bildung schaden. Fast zwei Drittel davon, rund 87 Millionen, leben in Subsahara-Afrika. Mehr als in allen anderen Regionen zusammen.

Die Demokratische Republik Kongo ist eines der am stärksten betroffenen Länder. Laut Erhebungen arbeiten knapp 5 Millionen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren. Viele von ihnen in Minen und Steinbrüchen – täglich, stundenlang, ohne Schutzausrüstung. Kinder ab sechs oder sieben Jahren brechen Steine, schleppen Säcke, die schwerer sind als sie selbst, und atmen Staub ein, der ihre Lungen dauerhaft schädigt.

Am 12. Juni, dem Welttag gegen Kinderarbeit, erinnert die Welt daran, dass sie ihr eigenes Versprechen gebrochen hat. Das Nachhaltigkeitsziel 8.7 der Vereinten Nationen sah vor, Kinderarbeit bis 2025 in all ihren Formen zu beenden. Diese Frist ist abgelaufen. Kinderarbeit nicht. Beim aktuellen Tempo würde es bis etwa 2060 dauern – 35 Jahre später als versprochen.

Was Kinderarbeit mit einem Kind macht

In der Provinz Tanganyika im Osten des Kongos leben über 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Gewalt zwischen Gemeinschaften hat in den vergangenen Jahren mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben. Hunderte Schulen wurden zerstört. Wer hier aufwächst, hat wenige Optionen – und Kinderarbeit ist oft die naheliegendste.

Für Falene bedeutete das: Schule am Vormittag, Steine am Nachmittag. Spielen, Lernen, Kindsein – das fand nicht statt. Was Kinderarbeit mit Kindern macht, ist gut dokumentiert. Laut Forschungsdaten beeinträchtigt sie sowohl die schulische Leistung als auch die Anwesenheit im Unterricht. In der DR Kongo kombinieren über 80 Prozent der arbeitenden Kinder Schule und Arbeit – eine Doppelbelastung, die auf Dauer nicht tragbar ist.

Der Zusammenhang ist direkt: Armut zwingt Familien dazu, auf das Einkommen ihrer Kinder zu setzen. Und genau hier, an der Wurzel, muss eine Lösung ansetzen.

Eine Ziege, ein Brunnen, eine Spargruppe

Das Nexus Accelerator Fund-Projekt von World Vision in Nyemba arbeitet seit 2020 in der Region. Der Ansatz ist bewusst ganzheitlich: Statt nur ein Problem zu bekämpfen, greift das Projekt an mehreren Stellen gleichzeitig an. Ernährung, Wasser, wirtschaftliche Stärkung und Kinderschutz werden miteinander verbunden.

Für Falene begann die Veränderung mit einer Ziege. Im Rahmen des Programms erhielt sie ein Tier – kein einfaches Haustier, sondern echtes, lebendes Kapital. Als die Ziege kurz darauf Junge bekam, war klar: Aus einer einmaligen Hilfe war nachhaltiger Wohlstand entstanden.

Parallel dazu trat Falenes Mutter einer Spargruppe bei – einer von 30 Gruppen mit insgesamt 750 Mitgliedern, die mit einem Gesamtbudget von 36.000 US-Dollar eigene einkommensschaffende Aktivitäten entwickeln. Und ein neu gebauter Brunnen versorgt heute mehr als 1.000 vertriebene Haushalte und Gastfamilien in Nyemba mit sauberem Wasser.

„Wenn ich jetzt von der Schule nach Hause komme, kümmere ich mich um meine Ziege und hole Wasser vom Brunnen, der in der Nähe unseres Hauses gebaut wurde. Ich habe jetzt genug Zeit, mit meinen Freundinnen zu spielen.“
– Falene

Aus einer Kinderarbeiterin wurde eine Schülerin, die nach der Schule spielt, lernt und sich eine Zukunft vorstellen darf.

Warum dieser Ansatz wirkt

Falenes Geschichte ist kein Einzelfall. Seit 2020 hat das Nexus Accelerator Fund-Projekt in Nyemba und dem benachbarten Binza mehr als 4.800 mangelernährte Kinder behandelt und Familien den Weg aus der Armut eröffnet. Landwirtschaftskooperativen wie die MUUNGANO-Gruppe produzieren mittlerweile zehn Tonnen Gemüse pro Saison. In den Projektgebieten gibt es keinen einzigen Cholerafall mehr – dank sauberem Wasser und Hygieneschulungen.

Die Wirksamkeit dieses integrierten Ansatzes ist auch international belegt. Daten von World Vision aus Ghana zeigen, dass Spargruppen das Einkommen von Frauen verdoppeln, die Einschulung von Mädchen um 50 Prozent steigern und Kinderarbeit um 60 Prozent senken können. Und eine Analyse der ILO bestätigt: Geldtransfers an vulnerable Haushalte verringern Kinderarbeit nachweislich – weil Familien nicht mehr auf das Einkommen ihrer Kinder angewiesen sind.

Der Schlüssel liegt in der Kombination. Nicht die Ziege allein hat Falenes Leben verändert. Nicht der Brunnen allein. Und nicht die Spargruppe allein. Sondern das Zusammenspiel von wirtschaftlicher Stärkung, Zugang zu Wasser und dem Schutzrahmen, den die Gemeinschaft getragen hat.

Was fehlt – und was möglich ist

Es gibt Fortschritte. Zwischen 2020 und 2024 ist die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit um über 22 Millionen gesunken. In der DR Kongo hat die Einführung kostenloser Grundschulbildung 2019 zu einem Anstieg der Einschulungen um 56 Prozent geführt. Und in Nyemba zeigt ein einzelnes Projekt, dass nachhaltige Veränderung möglich ist – wenn man an den richtigen Stellen ansetzt.

Aber 138 Millionen Kinder arbeiten noch immer. In der DR Kongo gehen laut UNICEF rund 7,6 Millionen Kinder nicht zur Schule. Im Osten des Landes sind allein durch den Konflikt fast zwei Millionen Kinder vom Unterricht ausgeschlossen. Der anhaltende Krieg zerstört Schulen, vertreibt Familien und treibt Kinder in Minen und Steinbrüche.

Gerade jetzt, wo weltweit Hilfsgelder gekürzt werden und bewaffnete Konflikte die Fortschritte bedrohen, zählt jede Unterstützung. Jedes Kind, das zur Schule gehen kann statt Steine zu klopfen, ist ein Beweis dafür, dass Veränderung möglich ist.
Falene stemmt keine Steine mehr. Sie trägt Bücher. Und das, was hinter ihrem Haus wächst, wächst auch in ihr: die Überzeugung, dass es weitergeht.

Endlich Hoffnung. Für sie. Und für die 138 Millionen, die noch warten.


Quellenangaben
ILO/UNICEF Global Estimates of Child Labour 2024 (veröffentlicht Juni 2025); UNICEF DRC Education Data; U.S. Department of Labor: Findings on the Worst Forms of Child Labor, DRC; World Vision International: Nexus Accelerator Fund Project Reports, Nyemba/Binza 2020–2025; World Vision International: Savings for Transformation Impact Data, Ghana 2024; ACAPS: Education & Child Protection Challenges in Eastern DRC. Alle Zahlen geprüft, Stand April 2026.

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