Kein Tabu mehr
Wie eine Elfjährige in Honduras andere Mädchen stärkt
Als Kimberlys Mutter Dania zum ersten Mal ihre Periode bekam, wusste sie nicht, was mit ihr passiert. Niemand hatte mit ihr darüber gesprochen. Es gab keine Erklärung, keine Vorbereitung, keine Unterstützung. Ihr Vater reagierte mit Wut statt mit Verständnis.
Kimberly ist elf Jahre alt und lebt in La Minita, Teupasenti, im Südosten von Honduras. Als sie ihre erste Periode bekam, war es anders. Ihre Mutter hatte vorher mit ihr gesprochen – offen, ruhig, vorbereitet. Kimberly sagt: Es hat überhaupt nicht wehgetan. Einfach so. Ich konnte meiner Mama vertrauen.
Was zwischen diesen beiden Erfahrungen liegt, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Programms.
Was passiert, wenn niemand spricht
In vielen ländlichen Gemeinden in Honduras ist Menstruation ein Tabuthema. Mädchen erfahren oft erst beim Einsetzen ihrer Periode, was mit ihrem Körper passiert – und dann häufig begleitet von Scham, Angst und Fehlinformation. Jungen machen sich in der Schule über Mädchen lustig, wenn sie es bemerken. Väter verstehen nicht, was passiert. Mütter schweigen, weil auch mit ihnen nie jemand gesprochen hat.
Das Ergebnis: Mädchen fehlen regelmäßig im Unterricht. Sie schämen sich, ziehen sich zurück, verlieren den Anschluss. Manche brechen die Schule ab. Nicht wegen ihrer Periode – sondern weil ihnen niemand beigebracht hat, dass sie nichts Falsches ist.
Wissen, das weitergegeben wird
Dania, Kimberlys Mutter, ist heute Gemeindeaktivistin, Sekretärin einer Spargruppe und eine der treibenden Kräfte in La Minita. Über World Vision nahm sie an Schulungen teil, in denen sie lernte, was sie selbst nie erfahren hatte: wie man mit Töchtern offen über Körper, Hygiene und Menstruation spricht.

„Ich habe Kimberly davon erzählt, als sie neun war. Du wirst deine Menstruation bekommen, das passiert allen Frauen. Wir sind bereit, uns zu entwickeln. Eine neue Veränderung in unserem Körper.“
– Dania, Kimberlys Mutter
Was Dania ihrer Tochter gab, war nicht nur Information. Es war Normalität. Und Kimberly nahm dieses Wissen und trug es weiter – in ihre Familie, zu Nachbarinnen, zu anderen Mädchen. Im Rahmen des Charlemos-Programms von World Vision lernte sie zusätzlich praktische Hygiene, Körperpflege und Selbstachtung.
„Ich sage den anderen Mädchen, dass sie sich gut fühlen sollen. Denn es ist nichts Schlechtes.“
– Kimberly, 11
Was Wasser damit zu tun hat

Was Kimberlys Geschichte vervollständigt, ist ein Detail, das leicht übersehen wird: Ohne Wasser gibt es keine würdevolle Menstruationshygiene. Dania erinnert sich an eine Zeit, in der es in La Minita kein fließendes Wasser gab. Frauen standen vor Sonnenaufgang auf, um Wasser zu holen. Die Schule hatte keine Toiletten – Kinder mussten sich draußen erleichtern.
Heute hat die Gemeinde Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen – auch dank World Vision. Erst dieser Zugang macht es möglich, dass Mädchen wie Kimberly ihre Periode in der Schule sicher und würdevoll handhaben können.
„Wasser ist essenziell. Ohne Wasser kannst du dich nicht waschen. Während der Menstruation brauchst du jeden Tag Wasser.“
– Dania
Was sich verändert, wenn Mädchen Wissen haben
Kimberly wurde 2025 zur Präsidentin der Schülerinnen- und Schülervertretung gewählt. Im nächsten Jahr beginnt sie die Sekundarstufe. Sie ist ein Patenkind bei World Vision und eine der jungen Führerinnen in ihrer Gemeinschaft.
Was sie von anderen Mädchen in ihrem Alter unterscheidet, ist nicht Talent oder Glück. Es ist die Tatsache, dass jemand rechtzeitig mit ihr gesprochen hat. Dass ihre Mutter Wissen besaß, das sie weitergeben konnte. Und dass ein Programm dafür gesorgt hat, dass dieses Wissen überhaupt verfügbar war.

In Teupasenti arbeitet World Vision über fünf integrierte Projekte in 18 Gemeinden, darunter Wasser- und Sanitärversorgung, Gewaltprävention und Ella Lidera – ein Programm, das Selbstwert, Führungsqualitäten und wirtschaftliche Teilhabe von Mädchen und Frauen gezielt fördert. Fast 2.000 Kinder sind als Patenkinder registriert.
Kimberly hat eine Botschaft für alle Eltern:
„Keine Mutter und kein Vater sollte wütend auf ein Mädchen sein, weil es seine Periode bekommt. Denn das ist etwas Normales, das uns allen passiert.“
– Kimberly, 11
Wenn eine Elfjährige das so klar sagen kann, hat sich etwas verändert. Nicht nur für sie.

