Derselbe Tisch, die andere Seite
Warum Schulbesuch allein nicht gleich Bildung ist.
Die Wände sind voll. Bastelarbeiten, Plakate, bunte Buchstaben, alles von Kinderhand. In einem Klassenzimmer im ländlichen Kambodscha steht eine junge Frau vor der Tafel und hat Kreide in der Hand. Vor ihr eine ganze Klasse.
Einer der Tische im Raum ist ihrer. An dem hat sie in der ersten Klasse gesessen.
Phanet unterrichtet dort, wo sie selbst gelernt hat. Was sie am Unterrichten am liebsten mag? Alles, sagt sie.
Warum ein Schulplatz noch nichts beweist
Das ist eine schöne Geschichte. Sie ist aber vor allem ein Beweis — für etwas, das in der Bildungsarbeit oft untergeht.
Denn die Frage, ob Kinder zur Schule gehen, ist nicht dieselbe wie die Frage, ob sie dort etwas lernen. Sieben von zehn Zehnjährigen in ärmeren Ländern können einen einfachen Text nicht lesen und verstehen. Sie sitzen im Unterricht. Sie haben ein Heft, eine Tafel, eine Lehrkraft. Und sie lernen nicht.
Vor der Pandemie war es etwas mehr als die Hälfte. Es ist schlechter geworden, nicht besser.
Was gerade wirklich passiert
Und die Kurve zeigt weiter nach unten. 273 Millionen Kinder und Jugendliche gehen weltweit nicht zur Schule – das siebte Jahr in Folge, in dem diese Zahl steigt. Jedes sechste Kind im Schulalter bleibt draußen. Wer sich daran gewöhnt hat, dass Bildungszahlen langsam besser werden, muss gerade umdenken.
Die Gründe dahinter sind unspektakulär, und genau deshalb so hartnäckig. Die Klassen sind überfüllt, der Unterricht läuft oft in einer Sprache, die zu Hause niemand spricht, und außer dem Buch der Lehrkraft gibt es kein einziges im Raum. Für viele Familien ist Schule zudem etwas, das man sich schlicht leisten muss.
Der Unterschied: eine Patenschaft
Phanet war zehn, als sie Patenkind wurde. Ihre Familie führte einen kleinen Hof, und die Schulgebühren kamen nicht immer rechtzeitig. Mit der Patenschaft war das Schulmaterial da, und zwar verlässlich. Ihre Eltern lernten außerdem, ihren Gemüseanbau auszubauen. Heute wächst auf dem Hof so viel, dass er die Familie ernährt, am Markt Geld einbringt und eine Schule in der Nähe mitversorgt.
Aber Hefte allein bringen niemandem das Lesen bei.

Was nachweislich funktioniert
Deshalb geht es in unseren Bildungsprogrammen nicht darum, Kinder in Klassenzimmer zu bringen. Es geht darum, was dort drinnen passiert.

Unser Leseprogramm läuft in über 30 Ländern und setzt an vier Stellen gleichzeitig an: bei geschulten Lehrkräften, bei Lesegruppen außerhalb des Unterrichts, in denen Lesen Freude macht statt nur Noten zu bringen, bei Büchern in der Sprache, die Kinder tatsächlich sprechen, und bei Eltern, die eingebunden werden – auch jene, die selbst nicht lesen können.
Eine Auswertung über zehn Länder zeigt, was das bringt: Die Kinder machen beim Lesen einen Sprung, der mehr als einem zusätzlichen Schuljahr entspricht. In Ghana wurde das Programm 2021 mit dem UNESCO-Japan-Preis für Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet, als eines von drei Projekten unter 113 Nominierungen.
Genau das gibt Phanet jetzt weiter.
Jetzt bringe ich ihnen bei, sinnerfassend zu lesen. Danach können sie es allein.
– Phanet, Lehrerin und ehemaliges Patenkind
Sinnerfassend. Das ist das ganze Thema in einem Wort. Nicht Buchstaben erkennen, sondern verstehen, was dort steht. Nicht vorlesen können, sondern sich selbst etwas erschließen. Alles, was danach kommt — Geschichte, Rechnen, ein Beruf, eine eigene Meinung — hängt daran.
Wie viel ein Schuljahr wert ist
Was Lesen für ein Leben bedeutet, lässt sich beziffern, auch wenn die Zahl nüchtern klingt. Jedes zusätzliche Schuljahr erhöht das spätere Einkommen eines Menschen im Schnitt um zehn Prozent. Bei Frauen sind es zwölf.
Bei Phanet lässt es sich aber auch anders rechnen. Eine Patenschaft. Ein Kind. Ein Schulweg, der nicht abgebrochen wurde. Und daraus eine ganze Klasse, die jetzt jeden Morgen bei ihr sitzt und lernt, einen Satz nicht nur zu erkennen, sondern zu verstehen.
Aus einem Patenkind ist eine ganze Klasse geworden.

Was noch nicht gilt
Es wäre schön, hier aufzuhören. Aber Phanets Klasse ist eine von zu wenigen.
Die Zahl der Kinder ohne Schule steigt weiter. Die große Mehrheit der Zehnjährigen in ärmeren Ländern liest noch immer, ohne zu verstehen. Und weltweit werden Hilfsgelder gekürzt, gerade jetzt, wo es umgekehrt sein müsste.
Was sich ändern lässt, ändert sich trotzdem. In über 30 Ländern lernen Kinder lesen, die es vorher nicht konnten. 2,8 Millionen Kinder in 37 Ländern nehmen an unseren Bildungsprogrammen teil.
Und irgendwo in Kambodscha liegen Briefe, aufbewahrt von einer Frau, die heute selbst vor einer Klasse steht.

An die Person, die sie damals unterstützt hat, richtet sie einen Satz.
Danke, dass du mich unterstützt hast, damit ich dort ankomme, wo ich jetzt bin.
– Phanet
Endlich Hoffnung. Für sie — und für alle, die jetzt bei ihr in der Klasse sitzen.

