Mittendrin statt am Rand

Was passiert, wenn ein ganzes Dorf Inklusion lernt

Während die anderen Kinder draußen spielen, sitzt Boubacar drinnen. Er ist sieben Jahre alt, lebt im Dorf Taïf Thiéckéne im ländlichen Senegal und will nichts lieber, als dabei sein. Aber Boubacar wurde mit einer körperlichen Behinderung geboren, die seine Bewegungsfähigkeit stark einschränkt. Um sich fortzubewegen, muss er kriechen. Über den staubigen Boden, vor den Blicken der Nachbarinnen und Nachbarn, die oft lieber wegschauen.

Boubacar hat beide Eltern verloren. Seitdem kümmert sich seine ältere Schwester Mariama um ihn und seine Geschwister – in einer Gegend, in der Regenfälle selten sind, Ernten oft ausfallen und das Essen nicht bis zum nächsten Monat reicht.

Ausgeschlossen, bevor es losgeht

Boubacars Situation ist kein Einzelfall. Laut UNICEF gehen in Senegal mehr als 60 Prozent der Kinder mit Behinderungen nicht zur Schule. Die Gründe sind vielschichtig: fehlende Mobilität, mangelnde inklusive Bildungsangebote und ein Stigma, das Familien dazu bringt, ihre Kinder zu verstecken statt zu fördern. Wer eine Behinderung hat, wird in vielen Gemeinden nicht als vollwertiges Mitglied gesehen – sondern als Belastung.

Boubacars Dorf war vor dem Beginn der World Vision-Partnerschaft im Jahr 2006 das ärmste in der gesamten Region. Die Kinder waren isoliert, es gab weder sauberes Trinkwasser noch eine Gesundheitsstation. Die Raten von Mangelernährung, Malaria und Durchfallerkrankungen gehörten zu den höchsten der Region. Und die Bevölkerung – fast ausschließlich Angehörige der Badiaranéké, einer Minderheit – war auch politisch marginalisiert.

Ein Rollstuhl verändert alles

Die Wende kam mit einer Kinderpatenschaft. Boubacar wurde in das Patenschaftsprogramm von World Vision aufgenommen – und erhielt einen Rollstuhl. Was wie ein simpler Gegenstand klingt, war in Wirklichkeit ein Wendepunkt. Plötzlich konnte er sich bewegen, ohne über den Boden zu kriechen. Plötzlich war er draußen, bei den anderen, mittendrin.

„Früher musste er auf dem Boden kriechen. Er wurde sehr schmutzig, und es war schmerzhaft anzusehen. Jetzt kann er sich frei bewegen, nach draußen gehen, spielen und jederzeit bei seinen Freunden sein.“
Mariama

Gleichzeitig erhielt die Familie Nahrungsmittelhilfen sowie Schafe und Ziegen – Tiere, die in dieser Gegend nicht nur Nahrung sichern, sondern auch Einkommen und Stabilität bedeuten. Und jährliche medizinische Untersuchungen stellen sicher, dass sich Boubacars Gesundheitszustand verbessert.

Wenn sich ein ganzes Dorf verändert

Aber Boubacars Geschichte handelt nicht nur von einem Rollstuhl. Sie handelt davon, was passiert, wenn eine Patenschaft nicht bei einem einzelnen Kind endet, sondern eine ganze Gemeinschaft erreicht.

Seit Beginn der Partnerschaft im Jahr 2006 hat sich das Dorf grundlegend verändert. Eine Gesundheitsstation wurde gebaut und mit einer ausgebildeten Fachkraft besetzt. Ein Brunnen mit Wasserturm und Leitungssystem versorgt die Familien heute mit sauberem Trinkwasser. Toiletten und Handwaschstationen haben die offene Defekation beendet. Frauen betreiben gemeinsam eine Getreidemühle, die ihnen ein eigenes Einkommen sichert. Zwei Spargruppen ermöglichen Mikrokredite für weitere Geschäftsideen. Und eine Schule mit zwei Klassenräumen gibt den Kindern endlich einen Ort zum Lernen. Ein Alphabetisierungszentrum richtet sich gezielt an Frauen, die zuvor weder lesen noch schreiben konnten.

Die Ergebnisse sind messbar. Die Mangelernährungsrate ist von 39 Prozent auf 0,2 Prozent gesunken. Durchfallerkrankungen bei Kindern gingen von 28 Prozent auf unter 3 Prozent zurück. Und der Schulbesuch stieg von 65 Prozent auf nahezu 100 Prozent. Von den rund 125 Kindern im Dorf sind 91 im Patenschaftsprogramm registriert – und für jedes Patenkind profitieren mindestens vier weitere.

Die unsichtbare Veränderung

Die vielleicht bedeutsamste Veränderung lässt sich nicht in Zahlen fassen. Sie betrifft die Art, wie Menschen Boubacar sehen. Wo früher Zögern und Unsicherheit herrschten, ist heute Offenheit. Er ist nicht mehr am Rand. Er ist dabei – als Kind, als Mitglied der Gemeinschaft, als Mensch.

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Arbeit. World Vision begleitet nicht nur einzelne Kinder, sondern sensibilisiert aktiv ganze Gemeinschaften – spricht mit Eltern, mit Nachbarinnen und Nachbarn, mit Dorfältesten. Das Ziel: dass Behinderung nicht länger als Hindernis gesehen wird, sondern als Teil des Lebens, der Unterstützung verdient.

„Viele sind gekommen. Aber World Vision kam und hat etwas Konkretes getan – und das Leben der Kinder hat sich für immer verändert.“
– Adiyan, Dorfvorsteher

Was noch aussteht

In Boubacars Dorf zeigt sich, was möglich ist, wenn Hilfe langfristig, ganzheitlich und gemeinschaftsbasiert gedacht wird. Seit 2006 wächst hier etwas, das über einzelne Maßnahmen hinausgeht: eine Gemeinschaft, die ihre verwundbarsten Mitglieder einschließt statt auszugrenzen.

Aber 60 Prozent der Kinder mit Behinderungen in Senegal gehen noch immer nicht zur Schule. Weltweit haben Kinder mit Behinderungen in Entwicklungsländern nur eine zehnprozentige Chance, jemals eine Schule zu besuchen – und sie sind drei- bis viermal häufiger von Gewalt betroffen als andere Kinder. Senegal hat bis heute keine nationale Strategie für inklusive Bildung.

Boubacars Geschichte zeigt: Inklusion beginnt nicht mit einem Gesetz. Sie beginnt damit, dass sich Menschen entscheiden, einen anderen Menschen zu sehen – und zu unterstützen.
Was sich Boubacar für die Zukunft wünscht? Er will Verteidigungsminister werden. Ein großer Traum für einen kleinen Jungen. Aber in einem Dorf, in dem Mangelernährung fast auf null gesunken ist und jedes Kind zur Schule geht, wirken große Träume plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch.

Manchmal beginnt alles damit, dass ein einziger Mensch sich entscheidet zu helfen.

 
Übernimm eine Patenschaft und verändere ein ganzes Dorf:

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