Shufa sammelt Brennholz statt zur Schule zu gehen

Zum Weltflüchtlingstag: Warum Selbstbestimmung der wirksamste Kinderschutz ist – und woran die humanitäre Hilfe sich dringend neu ausrichten muss.

Shufa ist 15 Jahre alt. Vor drei Jahren ist sie mit ihrer Familie vor der Gewalt im Sudan geflohen, über die Grenze in den Südsudan. Heute lebt sie in einem Flüchtlingscamp – und sammelt Brennholz. Sie verkauft es, damit ihre Mutter überhaupt etwas auf den Tisch bringen kann. Was eigentlich Jahre des Lernens, des Wachsens und Träumens sein sollten, sind für sie zu einem täglichen Überlebenskampf geworden. Die Schule besucht sie nicht mehr. Nicht, weil sie nicht mehr wollte. Sondern weil ihre Familie nicht mehr anders konnte.

(Shufa heißt eigentlich anders. Wir haben ihren Namen zu ihrem Schutz geändert.)

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. Es ist ein Tag, an dem wir Menschen wie Shufa würdigen – ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen, ihre stille Tapferkeit. Aber es ist auch ein Tag, an dem wir uns eingestehen müssen: Anerkennung allein reicht nicht. Sie wird erst zur Würdigung, wenn wir verstehen, was diese Familien wirklich brauchen – und es ihnen geben.

Eine traurige Jubiläumsbilanz

In diesem Jahr begeht der Weltflüchtlingstag ein doppeltes Jubiläum: Es ist 25 Jahre her, dass er das erste Mal weltweit begangen wurde. Und 75 Jahre seit der Genfer Flüchtlingskonvention. Diese Daten sollten Anlass zum Stolz sein. Sie sind Anlass zur Selbstkritik. Zwar ist die Zahl der Vertriebenen laut dem UNHCR-Jahresbericht 2025 erstmals seit einem Jahrzehnt leicht gesunken – um vier Prozent auf rund 118 Millionen Menschen. Aber das ist kein Entwarnungssignal. Der Rückgang geht zu einem großen Teil auf erzwungene Rückkehr zurück, nicht auf verbesserte Sicherheit. Und die neuen Konflikte im Nahen Osten seit Frühjahr 2026, die bereits Millionen weitere Menschen vertrieben haben, drohen selbst diesen fragilen Fortschritt wieder zunichtezumachen.

Ende 2025 waren weltweit rund 118 Millionen Menschen auf der Flucht. Rund 40 Prozent von ihnen sind Kinder. Sie wachsen auf in Lagern, in Notunterkünften, in Gastgeberländern, die selbst kaum Ressourcen haben. Sie wachsen auf in einer Welt, in der ihre Eltern oft nicht arbeiten dürfen, in der sie nicht weiterziehen dürfen, in der grundlegende Dienstleistungen für sie blockiert sind – nicht nur durch ihre Lage, sondern durch politische Entscheidungen.

Flucht und Hunger gehören zusammen

Im Jahr 2026 hat World Vision International gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) eine Studie in acht Krisenländern durchgeführt: Bangladesch, Burundi, Tschad, Kolumbien, der DR Kongo, Myanmar, Südsudan und Uganda. Befragt wurden geflüchtete Familien und ihre Gastgemeinden. Die Ergebnisse sind erschütternd nüchtern.

Mehr als die Hälfte aller befragten Haushalte erlebt mittlere oder schwere Ernährungsunsicherheit. In der DR Kongo und im Südsudan sind es über 80 Prozent. Vier von zehn geflüchteten Familien gaben an, am Tag vor der Befragung nichts oder höchstens eine Mahlzeit gegessen zu haben. In 57 Prozent der Haushalte ist jemand im letzten Monat hungrig schlafen gegangen.

Und der Hunger hinterlässt Wunden im Leben der Kinder, die nicht so leicht heilen: Jedes fünfte Kind muss arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Jedes neunte ist von seinen Eltern getrennt. Fast jedes zehnte Mädchen wird als Kind verheiratet. Was nach vielen Einzelprobleme aussieht, ist in Wahrheit ein klares Muster: Wenn eine Familie heute nichts zu essen hat, wird sie gezwungen die Zukunft ihrer Kinder zu opfern.

Was Shufa wirklich braucht

Die Studie zeigt aber auch etwas anderes – und das ist die eigentliche Wendung dieser Geschichte. Dort, wo geflüchtete Familien und ihre Gastgemeinden eine Chance auf wirtschaftliche Selbstbestimmung bekommen, ändert sich alles. Die Zahlen sind beeindruckend deutlich: 56 Prozent weniger Kinder, die zum Betteln gezwungen sind. 38 Prozent weniger Schulabbrüche, um zu arbeiten. 33 Prozent weniger Kinderehen.
Mit anderen Worten: Wenn Eltern arbeiten dürfen, wenn Familien Zugang zu fairen Finanzdiensten haben, wenn sie nicht nur Empfängerinnen und Empfänger von Nothilfe bleiben, sondern selbst gestalten können – dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen wie Shufa Brennholz sammeln muss, dramatisch.

Selbstbestimmung ist nicht das Gegenteil von Hilfe. Sie ist ihre wirksamste Form.

Warum das eine humanitäre Neuausrichtung erfordert

Lange galt humanitäre Hilfe als das, was im Akutfall zählt: Lebensmittel, Wasser, Decken, medizinische Versorgung. Alles richtig, alles notwendig. Aber Krisen werden heute länger. Eine Familie, die heute flieht, lebt im Durchschnitt nicht mehr ein paar Monate in einem Camp, sondern Jahre, manchmal Jahrzehnte. Wer in solchen Zeiträumen nur Nothilfe leistet, hält Menschen zwar am Leben – hält sie aber gleichzeitig auch in einer Abhängigkeit fest.

Genau hier setzt der Reformbedarf an, den die Studie sichtbar macht. Es braucht beides: die kurzfristige, lebensrettende Hilfe – und die langfristige Investition in Bildung, Beschäftigung, finanzielle Teilhabe. Es braucht politische Entscheidungen, die geflüchtete Menschen nicht aus dem Arbeitsmarkt aussperren, sondern hineinlassen. Es braucht eine Hilfe, die nicht nur verwaltet, sondern befähigt.

Das ist umso dringlicher, weil die Mittel schrumpfen. Die globale humanitäre Finanzierung ist seit ihrem Höchststand 2023 um rund 40 Prozent eingebrochen. Mehr als 72 Prozent des humanitären Bedarfs bleiben ungedeckt. Selbst die klassische Nothilfe kommt an ihre Grenzen. Umso wichtiger, dass jeder Euro dorthin fließt, wo er nicht nur kurzfristig hilft, sondern langfristig trägt.

Weltflüchtlingstag 2026 – auf einen Blick

  • Ende 2025 waren rund 118 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – erstmals seit einem Jahrzehnt ein leichter Rückgang, der jedoch vor allem auf erzwungene Rückkehr zurückgeht
  • Kinder machen rund 40 Prozent aller Flüchtlinge weltweit aus
  • 318 Millionen Menschen leiden akut unter Hunger – Flucht und Mangelernährung sind eng verflochten
  • 2025 war die humanitäre Finanzierung um rund 40 Prozent gegenüber dem Höchststand 2023 gesunken; mehr als 72 Prozent des Bedarfs blieben ungedeckt

Was wir Shufa schuldig sind

Mit 15 sollte Shufa über ihren Lieblingslehrer oder über zu schwere Hausaufgaben schimpfen dürfen und mit Mitschülern lachen dürfen. Sie sollte rechnen lernen, schreiben, träumen, planen. Stattdessen schultert sie eine Last, die nicht ihre sein sollte.

Shufa und Millionen Kinder wie sie wollen von uns nicht nur Mitgefühl. Sie wollen, dass wir sie sehen, ihnen zuhören und anders handeln. Diese Familien haben ein Recht auf Zukunft. Solange wir Vertreibung als kurze Krise behandeln, obwohl sie oft Jahre oder Jahrzehnte dauert, werden wir scheitern. Die gute Nachricht: Wir wissen, was funktioniert. Wir müssen nur den Mut haben, es konsequent zu tun.

Es ist Zeit, Not nicht mehr nur zu verwalten, sondern zu beenden.

Was du jetzt tun kannst

Mit deiner Unterstützung trägst du dazu bei, dass Familien wie die von Shufa nicht in einer Spirale aus Nothilfe gefangen bleiben, sondern Strukturen vorfinden, auf denen sie selbst aufbauen können – Bildung für Kinder, Einkommensmöglichkeiten für Eltern, Gemeinschaft, in der niemand allein gelassen wird.

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