12 Kilometer im Dunkeln:
Warum der Schulweg für Mädchen in Sambia eine Frage der Sicherheit ist
Wie weit würdest du im Dunkeln gehen, um zur Schule zu kommen?
Grace ist achtzehn Jahre alt und lebt in Nyawa, einer ländlichen Gemeinde in Sambia. Jeden Morgen lief sie zwölf Kilometer zur Schule – und zwölf Kilometer zurück. Im Dunkeln, auf unbefestigten Wegen, allein oder mit anderen Mädchen. Erschöpft kam sie an, oft zu spät, manchmal zu müde, um dem Unterricht zu folgen. Während ihrer Menstruation blieb sie bis zu drei Tage zu Hause.
Aber die Entfernung war nicht das größte Problem.
Wenn der Schulweg zur Gefahr wird
In Nyawa gehören Teenagerschwangerschaften und Frühverheiratung zum Alltag. Sexuelle Übergriffe werden selten gemeldet – das Stigma wiegt schwerer als das Vergehen. Für Mädchen, die täglich weite Strecken zur Schule laufen, ist der Weg selbst ein Risiko.
„Jungen folgten uns auf dem Schulweg und drängten uns zu einer Beziehung. Wenn ich ablehnte, drohten sie mir Schläge an.“
– Grace, 18

Grace erzählt das nüchtern. Nicht weil es sie nicht betrifft, sondern weil es so normal war. Die Belästigung auf dem Schulweg war für die Mädchen in Nyawa kein Ausnahmefall – sie war der Alltag. Die Frage war nicht ob, sondern wann.
In Sambia wird fast jedes dritte Mädchen vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet. Viele brechen die Schule ab, nicht weil sie nicht lernen wollen, sondern weil die Bedingungen es unmöglich machen. Der Weg zur Bildung ist für Mädchen hier im wörtlichen Sinne gefährlich.
Ein Fahrrad verändert die Gleichung
Über eine Partnerschaft von World Vision mit World Bicycle Relief erhielt Grace ein Fahrrad. Was nach einem einfachen Gegenstand klingt, veränderte die gesamte Gleichung. Zwölf Kilometer zu Fuß bedeuteten Erschöpfung, Verspätung und Gefahr. Zwölf Kilometer mit dem Fahrrad bedeuten: pünktlich ankommen, sicher ankommen, überhaupt ankommen.
„Seit ich das Fahrrad habe, fehle ich keinen einzigen Tag mehr. Und die Jungen, die mich früher belästigt haben, haben keine Chance mehr, in meine Nähe zu kommen.“
– Grace, 18

Grace kommt jetzt pünktlich zum Unterricht. Sie ist eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs, besonders in Chemie. Und sie ist zur Stimme geworden – für andere Mädchen, die vor denselben Hindernissen stehen.
Eine Stimme, die weiterträgt
Was Grace heute antreibt, ist nicht nur ihre eigene Geschichte. Es ist der Wunsch, dass andere Mädchen nicht vor derselben Wahl stehen: Schule oder Sicherheit. Beides sollte nie eine Entscheidung sein müssen.
„Meine Hoffnung für jedes Mädchen in meiner Gemeinde ist, dass alle eine Bildung bekommen. Denn das wird sie dazu befähigen, für sich selbst und ihre Familien zu sorgen – und eine gute Zukunft zu haben.“
– Grace, 18
Das Nyawa Area Programme von World Vision arbeitet seit 2023 in der Region und erreicht über 4.000 Kinder, davon knapp 1.840 Patenkinder. Neben Fahrrädern umfasst das Programm Kinderschutz, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Selbstbestimmung. Ab 2027 unterstützt das Programm Familien zusätzlich dabei, eigene Einkommen aufzubauen. Das Ziel: dass kein Mädchen die Schule verlassen muss, weil der Weg zu weit, zu gefährlich oder die Armut zu groß ist.

Grace ist heute in der zwölften Klasse. Sie fährt jeden Morgen zur Schule. Derselbe Weg. Aber ohne Angst.
Kein Mädchen sollte zwischen Bildung und Sicherheit wählen müssen.

