„Papa, schau,

ich kann Fahrrad fahren“

Als Mizan zum ersten Mal allein auf dem Fahrrad sitzt, kann sein Vater es kaum glauben. Ahyar hatte das nicht für möglich gehalten. Sein Sohn lebt mit den Folgen einer Polio-Erkrankung. Die rechte Körperseite bewegt sich nur eingeschränkt. Die rechte Hand war jahrelang so verkrampft, dass er sie ohne Hilfe nicht öffnen konnte. Das rechte Bein trug ihn nur auf Zehenspitzen. Jetzt fährt er das erste Mal Fahrrad. Mit acht Jahren. Zusammen mit seinen Freunden.

Wenn du Ahyar fragst, worauf er am stolzesten ist, sagt er nicht: das Fahrradfahren. Er sagt: der Kampfgeist seines Sohnes. Und dass Mizan sich nie kleiner fühlt als andere.

Als klar wurde, dass etwas anders ist

Mit acht Monaten fiel Ahyar und seiner Frau Eva auf, dass Mizans rechte Hand ständig geschlossen war. Sie öffnete sich nicht. Als Mizan fast zwei Jahre alt war, konnte er weder stehen noch laufen. Die Familie lebt in einem Dorf auf der Insel Lombok, in einer Gegend, in der Wege uneben sind, Krankenhäuser weit entfernt liegen und für Menschen mit Behinderungen kaum Infrastruktur existiert. Sie fuhren mit ihm ins Provinzkrankenhaus. Er bekam eine Therapie, konnte danach stehen. Doch dann kam 2018 das Erdbeben auf Lombok. Danach die Pandemie. Der Weg zur Physiotherapie war lange versperrt.

„Für uns Eltern war die größte Sorge, dass Mizan selbst einfache tägliche Dinge kaum machen konnte. Angefangen beim Gehen.“ — Ahyar, Mizans Vater

Für Kinder wie Mizan bedeutet das in Indonesien oft mehr als ein körperliches Hindernis. In vielen Regionen wird Behinderung mit Scham, Angst oder Aberglauben verbunden. Kinder mit Behinderungen bleiben zu Hause, werden nicht eingeschult und sind bei gemeinsamen Spielen oft nicht dabei. Laut UNICEF sind sie häufiger mangelernährt, seltener registriert und im Alltag stärker isoliert als Kinder ohne Behinderungen.

Was Physiotherapie verändert hat

Über eine Patenschaft bei World Vision bekam Mizan Zugang zu regelmäßiger Physiotherapie. Er hat keine einzige Sitzung ausgelassen. In den Einheiten trainiert er Gelenke und Muskeln, zum Beispiel das Greifen und das Auftreten mit der ganzen Fußsohle. Seine Mutter Eva übt zwischen den Sitzungen mit ihm zu Hause weiter.

Die Ergebnisse sind konkret. Früher trug Mizan Schuhe in wenigen Wochen durch, weil er nur auf den Zehenspitzen ging. Heute setzt er die ganze Sohle auf und geht sicher. Seine rechte Hand, früher fast bewegungslos, hat an Beweglichkeit gewonnen. Er kann sich selbst anziehen. Er kann sich selbst duschen. Er geht allein zur Schule.

„Früher mussten wir alle drei Monate neue Schuhe kaufen. Sie hatten immer Löcher. Aber jetzt, Gott sei Dank, halten seine Schuhe.“
— Ahyar

Was Ahyar lernen musste

Das Bemerkenswerteste an Mizans Geschichte ist nicht die Therapie. Es ist die Rolle seines Vaters. Ahyar hat in den Elternschulungen von World Vision etwas gelernt, das für viele Eltern von Kindern mit Behinderungen keine Selbstverständlichkeit ist: nicht auf das zu schauen, was sein Sohn nicht kann, sondern auf das, was er kann. Und ihn dazu zu ermutigen, es zu versuchen.

Als Mizan gehänselt wurde, halfen ihm seine Eltern, seine Behinderung zu erklären und für sich selbst einzustehen. Als er mit seinen Freunden Fußball spielen wollte, sagten sie nicht: Setz dich lieber hin. Sie sagten: Probier es. Als er einen Drachen steigen lassen wollte, was mit einer verkrampften rechten Hand schwierig ist, ließen sie ihn probieren. Und Mizan probierte. Und schaffte es.

„Das Problem, das World Vision angeht, ist, wie ich es sehe, Gleichheit zu schaffen zwischen denen mit und denen ohne Behinderung. Keine Diskriminierung mehr, weder wegen Armut noch wegen dem, was jemand angeblich nicht kann. World Vision hilft der Gemeinschaft zu verstehen: Jede und jeder kann.“
— Ahyar

Das Fahrrad

Es gibt einen Moment in Mizans Geschichte, der bei seinem Vater bis heute nachklingt: das erste Mal, dass Mizan allein Fahrrad fuhr. Ahyar hatte ihm anfangs geholfen. Mizan hatte sich vorher traurig gefühlt, dass er nicht mitradeln konnte, wenn seine Freunde losfuhren. Und dann, Schritt für Schritt, mit der Zeit, tat er es. Er ließ los. Er trat in die Pedale.

„Ich bin so stolz auf Mizan. Mizan verliert nie die Hoffnung. Mizan ist großartig, kämpft mit so viel Enthusiasmus. Ich hatte nicht erwartet, dass Mizan Fahrrad fahren könnte. Ich dachte, das kann er nicht. Aber mit so viel Willen hat er am Ende bewiesen, dass er es kann. Genauso in der Schule: Er kann mit seinen Klassenkameraden mithalten, gut lernen, schreiben, Sport machen und mit seinen Freunden spielen. Das ist außergewöhnlich. Ich bin so stolz auf ihn.“
— Ahyar

Was Mizan werden will

Mizan geht heute selbstständig zur Schule. Er kleidet sich selbst an. Er badet sich selbst. Er spielt Fußball. Er lässt Drachen steigen. Und er fährt Rennen mit seinen Freunden auf dem Fahrrad. Wenn er gefragt wird, was er einmal werden will, sagt er: Lehrer.

Was sich in seinem Körper verändert hat, ist beeindruckend und messbar. Aber: Was sich rundherum verändert hat, ist mindestens genauso wichtig. Eltern, die anders schauen. Freunde, die ihn mitmachen lassen und unterstützen. Eine Gemeinschaft, die lernt, dass Behinderung kein Grund für Ausschluss ist. Mizan wurde nicht nur stärker. Sein Umfeld wurde gerechter.

Manche Grenzen sind körperlich. Viele sind es nicht.
Übernimm eine Patenschaft und hilf, dass kein Kind am Rand steht:

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